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Leadership ohne Ego: Warum starke Führung andere wachsen lässt

Führung beginnt vor dem Titel: Warum Verantwortung wichtiger ist als Status

Von Angelika Schindler-Obenhaus

Führung zeigt sich nicht auf der Visitenkarte. Sie zeigt sich in schwierigen Entscheidungen, im Umgang mit Macht und in der Bereitschaft, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu tragen. In ihrem Beitrag für „Frauen schaffen Zukunft – Leadership Edition“ beschreibt Angelika Schindler-Obenhaus eine Form von Leadership, die nicht auf Status, sondern auf Klarheit, Urteilskraft und Verantwortung basiert.

„Führung ist kein Status. Sie ist eine Entscheidung und sie beginnt lange vor dem Titel.“

Dieser Satz von Angelika Schindler-Obenhaus bringt auf den Punkt, was in vielen Diskussionen über Leadership zu kurz kommt: Eine Führungsposition macht noch keine Führungspersönlichkeit.

Angelika war Vorständin und Vorstandsvorsitzende, Unternehmerin und Wegbereiterin für zahlreiche Frauen. Doch ihr Führungsverständnis entstand nicht im Vorstandsbüro. Es entwickelte sich auf der Fläche eines Warenhauses – in einer großen Modeabteilung mit mehr als 20 Mitarbeiterinnen.

Dort lernte sie früh: Klarheit gibt Orientierung, Fairness schafft Vertrauen und Menschen leisten nicht deshalb mehr, weil sie müssen. Sie leisten mehr, wenn sie wollen.

Führung ist die Bereitschaft, Konsequenzen zu tragen

Erfolgreiche Führungskräfte zeichnen sich für Angelika nicht dadurch aus, dass sie immer richtig entscheiden. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie überhaupt entscheiden – und anschließend die Verantwortung für die Folgen übernehmen.

Denn Führung findet selten unter perfekten Bedingungen statt. Entscheidungen müssen häufig unter Zeitdruck, auf Basis unvollständiger Informationen und in einem Geflecht aus Interessen, Beziehungen und Emotionen getroffen werden.

Organigramme zeigen zwar Zuständigkeiten. Sie zeigen jedoch nicht, wer tatsächlich Einfluss nimmt, welche Allianzen bestehen und wo im Hintergrund Druck aufgebaut wird.

Wer diese informellen Dynamiken nicht versteht, kann formal richtige Entscheidungen treffen, die in der Realität wirkungslos bleiben.

Urteilskraft entsteht deshalb nicht allein aus Zahlen und Fakten. Sie entwickelt sich aus Erfahrung, Beobachtung, Empathie, Intuition und einem tiefen Verständnis für Menschen und Situationen.

Zögern kann teurer sein als eine Fehlentscheidung

Eine besonders wichtige Erkenntnis aus Angelikas Führungserfahrung lautet: Zögern wirkt häufig harmlos, ist in der Praxis jedoch nicht selten die teuerste Form der Entscheidung.

Menschen benötigen gerade in unsicheren Situationen Orientierung. Führungskräfte müssen nicht auf jede Frage sofort eine perfekte Antwort haben. Sie müssen aber bereit sein, eine Richtung vorzugeben, Entscheidungen nachvollziehbar zu erklären und konsequent an der Umsetzung dranzubleiben.

Denn Transformation entsteht nicht durch Erklärungen oder Ankündigungen. Sie entsteht erst in der Umsetzung.

Gerade in großen Organisationen versickern Botschaften schnell auf dem Weg durch die Hierarchie. Deshalb reicht es nicht, eine Strategie zu formulieren. Führungskräfte müssen überprüfen, was davon tatsächlich bei den Menschen ankommt.

Fehlversuche sind keine Führungsfehler

Angelika unterscheidet klar zwischen Fehlern und Fehlversuchen.

Fehlversuche sind notwendig, wenn Neues entstehen soll. Wer Innovation möchte, muss Menschen die Möglichkeit geben, Dinge auszuprobieren. Nicht jeder Ansatz wird funktionieren. Genau daraus entsteht jedoch Entwicklung.

Führung muss dafür sichere Leitplanken schaffen: einen klaren Handlungsrahmen, in dem Menschen eigenverantwortlich arbeiten, Entscheidungen treffen und auch scheitern dürfen, ohne das Unternehmen existenziell zu gefährden.

Fehler entstehen dagegen häufig dort, wo unsauber gearbeitet wird, Verantwortlichkeiten fehlen oder die notwendigen Rahmenbedingungen nicht geschaffen wurden.

Wenn sich Fehler in einem Team häufen, sollte deshalb nicht nur auf die Mitarbeitenden geschaut werden. Dann muss auch das Führungsverhalten überprüft werden.

Risikobereitschaft bedeutet dabei keinen Leichtsinn. Sie bedeutet, bewusst etwas zu versuchen – und ebenso bewusst aufzuhören, wenn es nicht trägt.

Gute Führung macht andere größer

Ein besonders starker Gedanke ihres Beitrags ist Angelikas Verständnis davon, Menschen wachsen zu lassen – auch über die eigene Person hinaus.

Wer Angst vor besonders klugen, leistungsfähigen oder ambitionierten Menschen im eigenen Team hat, führt nicht. Er schützt das eigene Ego.

Gute Führung schafft einen Raum, in dem andere Verantwortung übernehmen, sich entwickeln und schließlich größer werden können. Dafür braucht es einen klaren Aktionsrahmen und gleichzeitig echtes Vertrauen.

Kontrolle erzeugt Abhängigkeit. Vertrauen und Urteilskraft ermöglichen Entwicklung.

Menschen merken sehr genau, ob eine Führungskraft wirklich zuhört oder lediglich sendet. Nähe ist deshalb kein Selbstzweck. Sie ist notwendig, um zu verstehen, was in den Teams ankommt, was Menschen bremst und welche Orientierung sie benötigen.

Nicht die Menschen müssen sich anpassen – sondern die Strukturen

Angelika war in ihrer Karriere häufig die Erste: die erste Frau im Key Account Management, die erste Vorständin und schließlich die erste Vorstandsvorsitzende eines traditionsreichen Unternehmens.

Sie verstand das nicht als persönliche Mission, sondern als Verpflichtung. Ihr Anspruch war, nicht die Erste und gleichzeitig die Letzte zu bleiben.

Deshalb betrachtete sie nicht nur vorhandene Erfahrungen, sondern auch Entwicklungspotenziale. Sie stellte infrage, warum bestimmte Menschen nicht eingeladen, gefördert oder für Führungspositionen berücksichtigt wurden.

Ihre Haltung ist klar: Wenn die Lebensrealitäten qualifizierter Menschen nicht zu bestehenden Strukturen passen, müssen sich die Strukturen bewegen – nicht die Menschen.

Verantwortung weiterzugeben bedeutet deshalb mehr, als Positionen zu besetzen. Es bedeutet, Möglichkeiten zu schaffen, die vorher nicht existierten.

Haltung zeigt sich im Konflikt

Drei Konstanten haben Angelika durch ihre Laufbahn begleitet:

Passion: die Leidenschaft für Menschen, ihr Potenzial und für die Welt der Mode.

Performance: die Überzeugung, dass Glaubwürdigkeit nicht allein durch Worte, sondern auch durch Ergebnisse entsteht.

Profil: die Bereitschaft, Haltung zu zeigen, wenn es unbequem wird.

Rückgrat zeigt sich nicht im Konsens. Es zeigt sich dann, wenn Interessen kollidieren und eine Entscheidung persönliche Konsequenzen haben kann.

Angelika beschreibt eine Situation, in der von Investorenseite schnelle personelle Konsequenzen gefordert wurden – noch bevor das eigentliche Problem vollständig verstanden war. Sie hätte diesen Schritt gehen und begründen können. Aber sie war nicht davon überzeugt, dass er richtig gewesen wäre. Deshalb entschied sie sich dagegen.

Diese Erfahrung macht deutlich: Führung zeigt sich nicht nur darin, was jemand entscheidet. Sie zeigt sich auch darin, worauf jemand bewusst verzichtet.

Die entscheidende Frage: sichtbar oder wirksam?

Führung kann einsam machen. Je höher die Position, desto seltener erhalten Menschen ehrliches und direktes Feedback.

Deshalb hat Angelika bewusst nach Menschen gesucht, die ihr widersprechen, ihre Wahrnehmung spiegeln und sie auf Dinge aufmerksam machen, die sie selbst möglicherweise übersieht.

Denn häufig fehlt es Führungskräften nicht an Informationen. Es fehlt an einer ehrlichen Einordnung.

Wer spricht aus Überzeugung? Wer vertritt eigene Interessen? Wer schweigt – und warum?

In Zeiten tiefgreifender Transformation wird diese Fähigkeit zur Einordnung immer wichtiger. Organisationen müssen gleichzeitig Bestehendes sichern und Neues entwickeln. Kosten zu senken ist sichtbar, messbar und vergleichsweise schnell wirksam. Zukunft aufzubauen benötigt dagegen Zeit, Mut und Entscheidungen gegen den kurzfristigen Trend.

Die zentrale Führungsfrage lautet deshalb:

Was müssen wir beenden – und was müssen wir gleichzeitig neu aufbauen?

Organisationen scheitern nicht nur daran, dass sie zu spät sparen. Sie scheitern vor allem dann, wenn sie aufhören, sich weiterzuentwickeln.

Angelika richtet daher eine wichtige Frage an alle, die eine Führungsposition anstreben:

Will ich führen, um sichtbar zu sein – oder um wirksam zu sein?

Wer führen möchte, muss nicht allen gefallen. Aber er muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, Menschen Orientierung zu geben und die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen zu tragen.

Denn Führung ist kein Titel und kein Statussymbol.

Führung ist eine Entscheidung – und sie beginnt lange vor dem Titel.

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Über Frauen schaffen Zukunft:

50 Frauen in Führungspositionen erzählen ihre inspirierenden Geschichten und teilen ihre einzigartigen Perspektiven auf Leadership. Die Beiträge bieten wertvolle Einblicke in die Vielfalt weiblicher Führung und zeigen, wie Empathie, Kreativität und Entschlossenheit den Erfolg von Teams und Organisationen fördern können. Lassen Sie sich von den Erfahrungen und Visionen der führenden Frauen inspirieren und gewinnen Sie neue Impulse für Ihre eigene Führungspraxis. Ein unverzichtbares Buch – nicht nur für Frauen.

Herausgeberinnen: Claudia Rankers und Kerstin Rücker, FAZ Buch Verlag

Über Angelika Schindler-Obenhaus:

Angelika Schindler-Obenhaus ist ehemalige Vorständin und CEO, Impulsgeberin, Speakerin und Beirätin bei BEYOS. Sie verfügt über mehr als 42 Jahre Erfahrung in Fashion und Handel, davon 13 Jahre als Vorständin und zuletzt als CEO von Gerry Weber.

Heute begleitet sie Führungspersönlichkeiten und Unternehmen als Senior Advisor, Executive Sparringspartnerin und Beirätin. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen wirksame Führung, verantwortungsvolle Entscheidungen und die Entwicklung von Menschen und Organisationen. Ihre Überzeugung: Führung beginnt lange vor dem Titel. Sie zeigt sich dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und anderen ermöglichen, über sich hinauszuwachsen.

Über die Co-Autorinnen: Alexandra Beran, Ute Boehringer-Mai, Diana Bolle-Radszuhn, Marion Borgs, Anke Brinkmann, Claudia Burger, Monika Burkard, Barbara Buth, Simona Deckers, Nadja Gäms, Alexa Gorman, Bärbel Grade, Birgit Hass, Maike Hora, Maike July, Nadine Kammerlander, Tanja Kopietz-Heberle, Jutta Krienke, Natalie Kurz, Claudia Lässig, Heike Leise, Judith Mandel, Daniela Mehner, Sabine Mesletzky, Marion Neises, Franziska Niemann, Pia Pracht, Melanie Preßler, Nina Pütz, Claudia Rankers, Katrin Richter, Aida Rizvo, Kerstin Rücker, Carolin Sauer-Sidor, Sandra Schäck, Angelika Schindler-Obenhaus, Katharina Schleeberger, Marianne Schmolke, Nalan Sipar, Mirjam Staub-Bisang, Mona Steinhäußer, Sandra Stibale, Ulrike Strasser, Ramona Swhajor, Diana Taubert, Meriem Tazir, Katrin Turvey, Kathrin Weber, Alexandra Weiler, Katrin Wellmann und Julia Zobler.

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