Wenn Härte zum Erfolgsrezept wird – und irgendwann nicht mehr funktioniert

Eine Buchbesprechung von Birgit Hass

Mit einem wunderbaren Vorwort von Angelika Schindler-Obenhaus

„Nur die Harten kommen in den Garten.“
„Zweiter Platz? Erster Verlierer.“
„Go for gold.“

Sätze wie diese kennen viele von uns. Vielleicht haben wir sie selbst schon gehört. Vielleicht sogar gesagt. Sie stehen für Ehrgeiz, Leistungsbereitschaft und den unbedingten Willen, erfolgreich zu sein.

In „Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht“ von Hans Jörg Schumacher sind sie mehr als markige Sprüche. Sie beschreiben eine Haltung.

Und eine Frau, die gelernt hat, nach genau diesen Regeln zu spielen.

Eine Frau, die das Spiel beherrscht

Henriette ist erfolgreich. Durchsetzungsstark. Hart.

Sie hat sich in einer Welt behauptet, in der Schwäche nicht unbedingt als Karrierebeschleuniger gilt. Sie kennt die Mechanismen von Organisationen und weiß, wie Macht funktioniert.

Doch irgendwann funktioniert das, was sie so weit gebracht hat, nicht mehr.

Das finde ich an diesem Buch besonders interessant. Denn Hansjörg Schumacher erzählt eben nicht die klassische Geschichte einer Frau, die vom System kleingehalten wird.

Henriette hat sich durchgesetzt.

Die viel unbequemere Frage lautet deshalb:

Was, wenn wir irgendwann selbst Teil der Mechanismen werden, gegen die wir einmal angetreten sind?

Was macht Erfolg mit uns?

Diese Frage hat mich beschäftigt.

Gerade Frauen hören noch immer, dass sie sichtbarer, mutiger und durchsetzungsfähiger sein müssen. Wir sollen uns mehr zutrauen, lauter unsere Leistungen kommunizieren und selbstverständlicher nach Führungspositionen greifen.

Vieles davon ist richtig.

Aber bedeutet Gleichberechtigung wirklich, dass Frauen lernen müssen, dieselben Machtspiele genauso gut zu spielen wie Männer?

Oder wäre der größere Fortschritt, die Spielregeln zu verändern?

Female Leadership sollte für mich nicht bedeuten, männlich konnotierte Führungsmuster einfach besser zu kopieren.

Es sollte darum gehen, Führung neu zu denken.

Die unsichtbaren Regeln der Macht

Hansjörg Schumacher begleitet seit mehr als drei Jahrzehnten Unternehmer, Geschäftsführungen und Führungskräfte in Veränderungsprozessen. Diese Erfahrung merkt man der Geschichte an.

Denn Macht findet selten nur dort statt, wo „Vorstand“ oder „Geschäftsführung“ auf der Visitenkarte steht.

Macht entsteht durch Beziehungen.

Durch Informationen.

Durch Sprache.

Durch Netzwerke.

Durch Zugang.

Und manchmal schlicht dadurch, wer in einem Raum spricht, und wem zugehört wird.

Gerade die unsichtbaren Mechanismen finde ich spannend. Denn Organisationen haben neben ihren offiziellen Organigrammen fast immer ein zweites, unsichtbares Organigramm.

Wer kann wen anrufen?

Wer kennt wen?

Wer wird empfohlen?

Wer bekommt Informationen früher als andere?

Und wer darf Fehler machen, ohne dass seine grundsätzliche Kompetenz infrage gestellt wird?

„Network is Net Worth“, aber mit Verantwortung

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Netzwerken und Community Building. Einer meiner Lieblingssätze lautet:

Network is Net Worth.

Aber „Henriette“ erinnert auch daran, dass Netzwerke Machtstrukturen sind.

Das muss nichts Negatives sein.

Im Gegenteil: Ein gutes Netzwerk kann Türen öffnen, Menschen sichtbar machen, Wissen teilen und Chancen schaffen.

Entscheidend ist, wie wir unsere Netzwerkmacht einsetzen.

Nutzen wir sie ausschließlich für uns selbst?

Oder nutzen wir unseren Einfluss auch, um andere mitzunehmen?

Empfehlen wir immer dieselben Menschen?

Oder geben wir bewusst neuen Stimmen eine Chance?

Vernetzen wir Menschen nur dann, wenn unmittelbar etwas für uns herausspringt?

Oder verstehen wir Networking als Beziehung und nicht als Transaktion?

Für mich liegt genau dort der Unterschied zwischen einem Adressbuch und einer echten Community.

Ich denke auch, dass man Netzwerke zusammenwerfen sollte und sich gegenseitig supporten sollte. Und dass Menschen, die meinen, dass ein zusätzliches Netzwerk für ihr Unternehmen nicht gebraucht wird, dem Unternehmen großen Schaden zufügen, weil sie nur an sich denken. Sie wollen ihre Macht erhalten und haben Angst vor einem Menschen, der ein starkes Netzwerk mitbringt. Das brauchen sie nicht. Da nutzen sie lieber ihre Macht um den starken Gegner aus dem Feld zu drängen.

Vielleicht verändert KI auch unser Verständnis von Führung

Beim Lesen musste ich noch an etwas anderes denken: künstliche Intelligenz.

Denn wir erleben gerade einen fundamentalen Wandel.

Wissen allein wird immer weniger zum Machtfaktor.

KI kann recherchieren, analysieren, strukturieren und innerhalb von Sekunden Informationen bereitstellen, für die wir früher Stunden oder Tage gebraucht hätten. Spannend auch, dass KI Protokolle auch den Vorteil haben, dass die üblichen Protokollanten nur ihre Wahrheit festgehalten haben.

Wenn aber der Wissensvorsprung schwindet, was bleibt dann von Führung?

Sehr viel.

Vielleicht sogar das Wesentliche.

Urteilsvermögen. Verantwortung. Vertrauen. Empathie. Haltung. Und die Fähigkeit, Menschen miteinander zu verbinden.

Führungskräfte der Zukunft müssen vielleicht nicht mehr diejenigen sein, die auf jede Frage sofort eine Antwort haben.

Sie müssen diejenigen sein, die erkennen, welche Fragen überhaupt gestellt werden müssen.

Wer bin ich, wenn der Kampf vorbei ist?

Ein Satz auf dem Buchrücken ist bei mir besonders hängen geblieben.

Henriette kann irgendwann nicht mehr unterscheiden, wo der Kampf endet und ihr Selbst beginnt.

Das ist ein ziemlich starkes Bild.

Denn Karriere verändert uns.

Erfolg verändert uns.

Macht verändert uns.

Manchmal zum Guten. Wir werden selbstbewusster, mutiger und klarer.

Aber manchmal gewöhnen wir uns auch so sehr daran, kämpfen zu müssen, dass wir weiterkämpfen, obwohl längst niemand mehr gegen uns kämpft.

Vielleicht besteht persönliche Entwicklung deshalb nicht nur darin, stärker zu werden.

Vielleicht müssen wir manchmal auch lernen, die Rüstung wieder auszuziehen und nach Hause zu gehen und in eine Familie, die sich über die Anwesenheit und die Power des neuen Familienmitglieds freut.

Mein Fazit

„Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht“ ist für mich weniger ein klassischer Führungsratgeber als eine Einladung zur Selbstreflexion. Verpackt in einem spannenden Roman.

Ich mag diese Mischung aus Ratgeber und Reality.

Das gefällt mir.

Denn einfache Leadership-Rezepte gibt es inzwischen genug.

Viel interessanter sind Bücher, die Fragen hinterlassen:

Wie viel Härte braucht Erfolg?

Wann wird Durchsetzungsvermögen zur Rücksichtslosigkeit?

Welche ungeschriebenen Regeln akzeptieren wir, obwohl wir sie eigentlich verändern sollten?

Und wer wollen wir sein, wenn wir irgendwann dort angekommen sind, wo wir unbedingt hinwollten?

Vielleicht ist Erfolg am Ende eben nicht nur die Frage, wie hoch wir steigen.

Sondern auch, wer wir auf dem Weg nach oben geworden sind – und wie viele Menschen wir dabei mitgenommen haben.


Über das Buch

Hansjörg Schumacher: „Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht“
Ein Roman über Führung, Wahrnehmung und die verborgenen Spielregeln von Macht.

Categories: Buchtipp
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