Warum Transformation nicht an Technologie scheitert, sondern an Fokus, Konsequenz und Führung

Transformation ist nicht delegierbar: Tobias Keser bei Finfluencer Circle TV

Legacy-Systeme, Regulatorik, Kostendruck und gleichzeitig der Anspruch, schneller und innovativer zu werden: Banken stehen vor einem gewaltigen Transformationsspagat. Im Finfluencer Circle TV spricht Birgit Hass mit Tobias Keser, Mitglied des Executive Committee von Sopra Steria und verantwortlich für Financial Services, darüber, warum Technologie allein diesen Spagat nicht lösen wird.

„Die meisten Transformationsvorhaben scheitern nicht an der Technik.“

Diese Aussage von Tobias Keser bringt ziemlich gut auf den Punkt, worum es in unserem Gespräch bei Finfluencer Circle TV geht.

Denn natürlich reden wir über Technologie. Über Legacy-Systeme, Digitalisierung, Regulatorik und Time-to-Market.

Aber am Ende landen wir bei etwas anderem: Führung.

Banken müssen gleichzeitig stabil und schnell sein

Finanzinstitute befinden sich in einem besonderen Spannungsfeld. Einerseits müssen sie höchste Anforderungen an Sicherheit, Stabilität und Regulatorik erfüllen. Andererseits treffen sie auf neue Wettbewerber, die mit einer völlig anderen Geschwindigkeit agieren.

FinTechs bringen teilweise innerhalb weniger Tage oder Wochen neue Angebote auf den Markt. Klassische Finanzinstitute benötigen dafür häufig Monate.

Für Tobias Keser wird Geschwindigkeit deshalb zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.

Doch schneller zu werden, ist leichter gesagt als getan.

Denn viele Banken arbeiten mit über Jahrzehnte gewachsenen Legacy-Systemen. Diese Systeme haben einen großen Vorteil: Sie sind stabil. Gleichzeitig sind sie häufig unflexibel.

Die Folge: Innovation findet vielfach dort statt, wo sie relativ einfach möglich ist – an der Oberfläche. Der technologische Kern bleibt dagegen bestehen.

Langfristig kostet genau das Geschwindigkeit.

Regulatorik als Teil der Transformation denken

Ähnliches gilt für regulatorische Anforderungen.

DORA hat zuletzt gezeigt, welche erheblichen Investitionen regulatorische Veränderungen in Finanzinstituten auslösen können.

Das Problem ist dabei nicht Regulierung an sich.

Entscheidend ist, wie sie umgesetzt wird.

Wer jede neue regulatorische Anforderung isoliert betrachtet und dafür neue Prozesse, Systeme oder Strukturen schafft, erhöht langfristig die Komplexität.

Regulatorik sollte deshalb in eine übergreifende Zielarchitektur einzahlen.

Das klingt zunächst nach einer technischen Frage. Tatsächlich ist es aber vor allem eine strategische.

Warum Transformation Führung braucht

Und damit kommen wir zum vielleicht wichtigsten Teil unseres Gesprächs.

Für Tobias Keser entscheiden vor allem drei Faktoren darüber, ob Transformation gelingt:

Fokus. Konsequenz. Führung.

Fokus

Transformation braucht ein gemeinsames Zielbild.

Viele einzelne Digitalisierungs- und Transformationsinitiativen machen noch keine Transformation. Wenn Projekte in unterschiedliche Richtungen laufen, entsteht viel Bewegung – aber nicht zwangsläufig Fortschritt.

Alle wesentlichen Initiativen sollten deshalb auf ein gemeinsames Ziel einzahlen.

Konsequenz

Transformation braucht Mut zu Entscheidungen.

Das gilt besonders für Legacy-Systeme. Wer immer nur neue Lösungen auf bestehende Strukturen setzt, verschiebt grundlegende Veränderungen.

Irgendwann muss auch der Kern angegangen werden.

Das kann unbequem sein. Es kostet Geld, Ressourcen und Zeit. Aber ohne diese Konsequenz bleibt Transformation häufig Stückwerk.

Führung

Und schließlich braucht Transformation klare Verantwortung im Topmanagement.

Tobias formuliert es im Interview sehr deutlich:

„Transformation ist aus meiner Sicht nicht delegierbar.“

Vielleicht ist genau dieser Satz die wichtigste Botschaft unseres Gesprächs.

Denn Unternehmen können Transformationsprogramme aufsetzen, externe Partner beauftragen, neue Technologien einkaufen und Projektteams bilden.

Die Verantwortung für die Richtung kann das Management jedoch nicht abgeben.

Es muss Prioritäten setzen, Entscheidungen treffen und – ebenfalls entscheidend – über einen längeren Zeitraum daran festhalten.

Der vierte Faktor: Durchhaltevermögen

Deshalb kommt am Ende unseres Gesprächs noch ein vierter Begriff hinzu:

Durchhaltevermögen.

Transformation passiert nicht in einem Quartal.

Gerade grundlegende Veränderungen in großen Organisationen brauchen Zeit. Umso wichtiger ist es, nicht bei jeder neuen Herausforderung die Richtung zu wechseln.

Damit ergibt sich aus unserem Gespräch eine erstaunlich klare Formel:

Fokus + Konsequenz + Führung + Durchhaltevermögen.

Technologie ist dabei ein wesentlicher Enabler. Aber sie ersetzt keinen dieser Faktoren.

Unser Finfluencer-Circle-Fazit

Wir sprechen derzeit unglaublich viel über KI, Digitalisierung, Automatisierung und neue Technologien.

Zu Recht.

Doch vielleicht sollten wir gleichzeitig wieder stärker darüber sprechen, wie Unternehmen Veränderung tatsächlich umsetzen.

Denn die beste Technologie schafft noch keine erfolgreiche Transformation, wenn Entscheidungen fehlen, Verantwortlichkeiten unklar bleiben oder zahlreiche Initiativen nebeneinanderherlaufen.

Gerade in der Finanzbranche wird die Fähigkeit, Stabilität und Geschwindigkeit miteinander zu verbinden, zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Und dafür braucht es am Ende nicht nur Technologie.

Es braucht Führung.

Vielen Dank an Tobias Keser für das spannende Gespräch und die klaren Einblicke in die Transformation der Finanzbranche.

🎥 Das komplette Interview mit Tobias Keser und Birgit Hass gibt es bei Finfluencer Circle TV.


Über Finfluencer Circle TV

Finfluencer Circle TV bringt Entscheider, Expert, Unternehmer und spannende Persönlichkeiten aus Finance, Wirtschaft und Technologie ins Gespräch. Im Mittelpunkt stehen Menschen, Meinungen und Entwicklungen, die die Finanzwelt von morgen prägen.

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