Interview mit Mike – Geschichten aus Sri Lanka
Birgit: Mike, erzähl doch mal etwas über dich. Wo kommst du her?
Mike: Ich komme aus dem Hochland von Sri Lanka. Meine Familie lebt dort und arbeitet im Gemüseanbau. Meine Eltern leben noch dort, meine Schwestern sind verheiratet und mein Bruder arbeitet in Dubai.
Birgit: Geht es ihm dort gut?
Mike: Ja, sehr gut.
Birgit: Müssen bei euch normalerweise Mann und Frau arbeiten?
Mike: In der Hauptstadt schon. Dort ist das Leben teuer und meistens müssen beide arbeiten. Auf dem Land bleiben viele Frauen zu Hause. Wenn die Frau arbeiten geht, muss oft jemand für den Haushalt bezahlt werden – das kostet ebenfalls Geld. Meine Frau möchte lieber zu Hause bleiben.
Birgit: Du bist der einzige Sohn deiner Familie. Hast du dadurch besondere Pflichten?
Mike: Ja, natürlich. Als einziger Sohn trägt man Verantwortung für die Familie und kümmert sich auch um die Schwestern.
Birgit: Ist das bei euch noch so, dass Familien die Partner auswählen?
Mike: Nein, das ist heute nicht mehr so. Die Menschen entscheiden selbst.
Birgit: Haben Männer trotzdem noch mehr Rechte als Frauen?
Mike: Ja, das gibt es leider noch.
Birgit: Das ist schade. Ich hatte gehofft, dass sich das inzwischen geändert hat.
Mike: Die meisten Paare heiraten, bevor sie zusammenleben. Das ist bei uns die normale Tradition. Geschieden wird nur sehr selten. Manche Menschen führen zwar heimlich ein zweites Leben, aber offiziell ist nur eine Ehe erlaubt.
Birgit: Wie war dein eigener Lebensweg?
Mike: Ich habe mit 19 Jahren mein Abitur gemacht. Eigentlich hätte ich studieren können, aber mein Vater musste fünf Kinder versorgen. Deshalb habe ich beschlossen, direkt arbeiten zu gehen und Geld zu verdienen.
Zuerst arbeitete ich in einem Restaurant, später wechselte ich in ein Hotel. Danach war ich fünf Jahre beim Militär. Weil ich der einzige Sohn meiner Eltern bin, hatten sie große Angst um mich. Sie baten mich in einem Brief, nach Hause zurückzukommen. Also verließ ich das Militär und begann im Tourismus zu arbeiten.
Vom Polizisten zum Reiseleiter
Birgit: Was waren deine schönsten Erlebnisse als Reiseleiter?
Mike: Bevor ich Reiseleiter wurde, war ich Polizist. Danach wechselte ich in den Tourismus. Anfangs arbeitete ich für verschiedene Reiseagenturen. Mit der Zeit wurde ich immer häufiger weiterempfohlen und bekam viele Stammgäste.
Ich hole die Gäste vom Flughafen ab, begleite sie auf ihrer Rundreise durch Sri Lanka, anschließend verbringen sie noch ein paar Tage Badeurlaub und ich bringe sie wieder zurück zum Flughafen.
Aus Gästen wurden Freunde
Ein Ehepaar aus Sachsen lernte ich vor vielen Jahren kennen. Mittlerweile waren sie schon zwölfmal in Sri Lanka.
Heute möchten sie gar keine klassischen Ausflüge mehr machen. Sie kommen vor allem, um Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Manchmal bleiben sie sogar einen ganzen Monat. Sie wohnen in der Nähe meines Hauses, wir kochen gemeinsam, grillen Fisch und verbringen einfach Zeit miteinander.
Das Tuk-Tuk als Geburtstagsgeschenk
Vor einigen Jahren überraschten sie mich an meinem Geburtstag.
An diesem Tag wollten sie plötzlich unbedingt rote Bananen kaufen. Wir fuhren gemeinsam in die Stadt und hielten an mehreren Obstständen. Immer wieder sagten sie: „Nein, nicht diese Bananen.“
Ich verstand überhaupt nicht, was sie eigentlich suchten.
Am Abend bat mich der Mann schließlich, mit ihm ins Haus zu kommen.
Dort überreichten sie mir einen Umschlag.
Darin war das Geld für ein eigenes Tuk-Tuk.
Damals kostete ein Tuk-Tuk rund 2.000 Euro – für mich war das ein unglaublich großes Geschenk.
Ich konnte es zuerst gar nicht glauben.
Mehr als Freundschaft
Das Ehepaar sagt heute:
„Du bist unser Sohn in Sri Lanka.“
Sie haben selbst einen Sohn in Deutschland, ungefähr in meinem Alter.
Bis heute schreiben wir uns regelmäßig, telefonieren miteinander und besuchen uns.
Als ich mein Haus gebaut habe, unterstützten sie mich erneut. Gemeinsam fuhren wir zu Händlern, verglichen Preise für Baumaterialien und organisierten alles. Sie halfen mir dabei, meinen Traum vom eigenen Haus zu verwirklichen.
Am Ende wird klar: Für Mike ist seine Arbeit weit mehr als Tourismus. Aus Gästen wurden Freunde, aus Freundschaften wurde Familie. Seine Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie Reisen Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen miteinander verbinden können – manchmal sogar ein Leben lang.
Mikes Geschichte zeigt, dass Sri Lanka weit mehr ist als traumhafte Strände und beeindruckende Natur. Es sind die Menschen, ihre Gastfreundschaft und die Begegnungen, die dieses Land so besonders machen.
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Manchmal beginnt ein neues Kapitel genau dort, wo andere nur Urlaub machen.