„Die wichtigste Buffett-Lektion? Geduld.“
Finfluencer Circle Interview mit Heiko Böhmer
Birgit Hass im Gespräch mit Heiko Böhmer anlässlich seiner Nominierung für
den Finfluencer Circle Award 2026
Warren Buffett hat Generationen von Anlegerinnen und Anlegern geprägt. Doch was
bleibt von seiner Investmentphilosophie, wenn bei Berkshire Hathaway eine neue
Ära beginnt? Und funktioniert klassisches Value Investing überhaupt noch in einer
Welt, die von Technologie, KI und immer schnelleren Kapitalmärkten geprägt wird?
Darüber spreche ich mit Heiko Böhmer, Kapitalmarktstratege bei Shareholder
Value Management und Nominiertem für den Finfluencer Circle Award 2026.
Birgit Hass: Heiko, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Deiner Nominierung
für den Finfluencer Circle Award. Du beschäftigst Dich seit vielen Jahren mit Börse
und langfristigem Investieren. Was bedeutet Dir diese Nominierung?
Heiko Böhmer:
Ich freue mich sehr über die Nominierung und sehe sie schon als Zeichen der
Anerkennung, das Thema Investieren in einer breiteren Öffentlichkeit zu verankern.
Vor allem geht es mir darum, den Sinn des langfristigen Vermögensaufbaus mit
Aktien in den Fokus zu rücken und da hilft die Aufmerksamkeit allein schon durch die
Nominierung.
Birgit Hass: Du warst selbst mehrfach in Omaha bei der Hauptversammlung von
Berkshire Hathaway. Was erlebt man dort, das man aus Deutschland heraus kaum
verstehen kann?
Heiko Böhmer:
Wenn 30.000 Menschen und mehr für eine Hauptversammlung in den Mittleren
Westen der USA reisen, muss es schon etwas Besonderes sein. Ich war mittlerweile
schon 15-mal vor Ort. Tatsächlich breitet sich dort ein Gemeinschaftsgefühl aus: „Wir
alle sind Langfristinvestoren.“ Genau dieses Motto sollte viel stärker auch in
Deutschland gelebt werden.
Birgit Hass: Warren Buffett steht wie kaum ein anderer Investor für Geduld, Disziplin
und langfristiges Denken. Was ist für Dich persönlich die wichtigste Buffett-Lektion?
Heiko Böhmer:
Tatsächlich ist es die Kombination der von dir genannten Faktoren: Investoren
brauchen Geduld, denn oft dauert es länger, bis sich der Erfolg einstellt. Investoren brauchen die Disziplin, einen einmal eingeschlagenen Weg auch wirklich einzuhalten. Zusätzlich brauchen Investoren langfristiges Denken, um wirklich ein großes Vermögen aufzubauen. Einen Großteil des Milliardenvermögens hat Buffett erst im hohen Alter aufgebaut, weil er seinen Weg beständig weitergegangen ist.
Birgit Hass: Mit dem Rückzug Warren Buffetts endet bei Berkshire Hathaway eine
Ära. Greg Abel steht für die nächste Generation. Bleibt Berkshire auch ohne Buffett
ein besonderes Investment?
Heiko Böhmer:
Ganz klar: Ja. Diese Beteiligungsgesellschaft wurde über 60 Jahre von Buffett
geprägt. Sein Nachfolger zeigt mit den ersten Aktivitäten schon an, dass der Kurs
gleichbleibt. Greg Abel scheint aber flexibler zu sein, auch im aktuellen Umfeld
attraktive Chancen zu finden. Investoren kaufen also nicht einfach nur eine Aktie –
sie kaufen mit Berkshire Hathaway eine erfolgreiche Investmentphilosophie.
Birgit Hass: Klassisches Value Investing hatte es in den vergangenen Jahren
teilweise schwer. Ihr sprecht deshalb von „Modern Value“. Was unterscheidet Modern
Value von der klassischen Buffett-Schule?
Heiko Böhmer:
Bei der klassischen Buffett-Schule steht die niedrige Bewertung der Unternehmen im
Mittelpunkt – erst dann geht es um die Qualität des Geschäftsmodelles. Beim
Modern Value Ansatz rückt die Qualität von Anfang an in den Mittelpunkt – auch
wenn die Bewertung etwas höher sein sollte.
Birgit Hass: Qualität eines Geschäftsmodells, Wettbewerbsvorteile und langfristige
Ertragskraft spielen dabei eine größere Rolle als nur eine vermeintlich günstige
Bewertung. Ist „billig kaufen“ als Value-Strategie heute zu kurz gedacht?
Heiko Böhmer:
Die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre an den Börsen legt diesen Schluss
nahe. Insofern sollten auch Anleger nicht einfach nur nach einem niedrigen Kurs-
Gewinn-Verhältnis schauen und so ein Portfolio aufbauen. Das greift wirklich zu kurz.
Birgit Hass: Wir erleben gleichzeitig einen enormen KI-Hype und hohe Bewertungen
bei einigen Technologieunternehmen. Was würde Warren Buffett vermutlich dazu
sagen – und wo ziehst Du die Grenze zwischen einer hervorragenden
Wachstumsstory und einer zu hohen Bewertung?
Heiko Böhmer:
Wenn die Bewertung doppelt so hoch ist wie die Wachstumsrate, dann sieht es doch schon stark nach einer Überbewertung aus. Buffett hatte auch hier in den vergangenen Jahren eher strenge Regeln, so dass viele Technologieunternehmen durch sein Raster gefallen sind. Bei uns sieht das anders aus. Viele reine Techwerte haben sich im Laufe der Jahre zu Modern Value Aktien mit guter Substanz und planbaren Erträgen entwickelt.
Birgit Hass: Du beschäftigst Dich auch mit ETFs und einem eigenen Modern-Value-
Index. ETF und aktives Value Investing klingen zunächst fast wie Gegensätze. Wie
passt das zusammen?
Heiko Böhmer:
Wir haben bei uns den aktiven Ansatz aus den Fondsmandaten weiterentwickelt.
Insofern ist das kein Gegensatz. Das Ergebnis ist mit dem Modern Value Index seit
2020 ein eigener Index, auf den es seit rund vier Jahren einen ETF gibt.
Birgit Hass: In Omaha erlebt man eine Aktienkultur, die sich deutlich von
Deutschland unterscheidet. Warum haben wir Deutschen nach wie vor ein so
schwieriges Verhältnis zur Aktie?
Heiko Böhmer:
In Deutschland ist die Angst vor Verlusten immens groß. Sicherheit steht für viele
Geldanleger immer noch an erster Stelle. Das ist wirklich schade, denn wer das
grundsätzliche Prinzip von Aktien als Teil eines Unternehmens verinnerlicht hat,
kommt an Aktien als Baustein des Vermögensaufbaus nicht vorbei. Vor allem bleiben
solche Anleger auch gelassen, wenn es an den Börsen mal etwas zurückgeht und
sehen nicht in jedem schwachen Tag einen Crash.
Birgit Hass: Genau deshalb ist Finanzbildung ein zentrales Thema des Finfluencer
Circle. Wenn Du einem 18-Jährigen heute nur drei Regeln für seinen langfristigen
Vermögensaufbau mitgeben dürftest – welche wären es?
Heiko Böhmer:
Regel 1: Fang am besten sofort an.
Regel 2: Starte auch mit kleinen Summen.
Regel 3: Kaufe zunächst breit anlegende Aktienindizes und unterbreche die
Einzahlungen im besten Fall nie.
Birgit Hass: Und zum Schluss unsere Circle-Frage: Wenn Warren Buffett heute
noch einmal 25 Jahre alt wäre – womit würde er Deiner Meinung nach anfangen zu
investieren?
Heiko Böhmer:
Das ist wirklich eine spannende Frage. Tatsächlich sehe ich auch einen heute jungen
Warren Buffett ganz klar beim Thema Aktien – weil sie langfristig das beste Chance-
Risiko-Profil bieten.
Birgit Hass – Schluss
Lieber Heiko, vielen Dank für das Gespräch – und natürlich viel Erfolg für
den Finfluencer Circle Award 2026.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften, die wir von Warren Buffett
mitnehmen können: Erfolgreiches Investieren muss nicht laut, hektisch oder
kompliziert sein. Es braucht Wissen, Qualität, Disziplin – und vor allem Zeit.
